Mittagspause
von Michael Weisfeld
„Schön hast du dich heute wieder angezogen,“ sagt er auf dem Steg zu ihr.
„So zart das Grau. Und dieses pralle Grün und das Orange,
die blitzen unterwärts daraus hervor! Und das an einem solchen Tag,
der deinen Teint so unergründlich blass erscheinen lässt.
Irene!“
Doch sie schaut unergründlich stumm an ihm vorbei auf diesen Ententeich,
als hätt er nichts gesagt.
„Allein die Farben“, seufzt er innerlich, „die lassen mich erahnen welche Freuden möglich wären. Unter ihrem Rock.“ Er stellt sich Röhren vor, mit Grün ummantelt, doch von innen rosa und orange schimmernd. Und muss nun heftig schlucken. Nie würde er dort Zugang haben, nie! Und muss gleich wieder schlucken.
Sie lässt den Ententeich nicht aus dem Blick und sagt:
„Du bist so still.“ „Stimmt,“ denkt er, „seit dem Kantinenessen nicht auch nur ein Wort.
Allein laut dröhnende Gedanken.“ Jetzt aber sagt er forsch:
„Welch schöner Blick – mit diesen bunten Erpeln dort. Nicht wahr?“
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Vertragt euch gut mit Krähen
Nach längerer Unterbrechung gibt es jetzt wieder ein neues Hörbild mit einem Text von Michael Weisfeld
Omas Ausweg
Vom vielen Lachen kriegt man Krähenfüße.
Sagte eure Oma immer.
Krähenfüße lauern in den Augenwinkeln außen.
Tiefe Falten strahlen von dort weit in die Schläfenhaut hinein.
Vom vielen Lachen.
sagte eure Oma.
Aber nur, weil es für mich zum Lachen wenig Grund gab.
Und sie trotzdem lachte.
So gruben sich der Krähe Füße richtig tief in meine Haut hinein.
Eure Oma betrachtet sich im Spiegel.
Dreht sich von links nach rechts,
von rechts nach links.
Wenn ich tot bin,
latscht eine Krähe über meine Augen.
Von rechts nach links.
Dann hüpft sie etwas hoch mit einem kleinen Flügelschlag.
Und wendet so auf meiner Schläfe und latscht zurück von links nach rechts.
Mir soll es recht sein.
Ich freue mich sogar.
Denn jetzt kann ich der Krähe
unter ihre schwarzen Federn lugen.
Und sehe eine kleine neue Welt,
die friedlich scheint.
Da schlüpfe ich hinein und fliege
mit der Krähe fort.
Bleibt ihr nur hier!
Ruft sie euch zu, ihr mausekleiner Kopf
schon halb versteckt in schwarzen Federn,
und vertragt euch gut mit Krähen,
die den Ausweg wissen!
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Über Arbeit
Das Reich der Freiheit beginnt dort, wo die Arbeit aus Notwendigkeit aufhört.
Karl Marx
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Wäre Arbeit wirklich eine tolle Angelegenheit, würden die Reichen sie für sich behalten.
Kubanisches Sprichwort
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Den Tätigen fehlt gewöhnlich die höhere Tätigkeit:
ich meine die individuelle. Sie sind als Beamte,
Kaufleute, Gelehrte,das heißt als Gattungswesen tätig,
aber nicht als einzelne Menschen,in dieser Hinsicht sind sie faul.
Es ist ein Unglück der Tätigen,daß ihre Tätigkeit fast immer
ein wenig unvernünftig ist.Man darf zum Beispiel
bei einem geldsammelnden Bankier nach dem Zweck
seiner rastlosen Tätigkeit nicht fragen: sie ist unvernünftig.
Die Tätigen rollen,wie der Stein rollt,
gemäß der Dummheit der Mechanik. –
Alle Menschen zerfallen,wie zu allen Zeiten
so auch jetzt noch,in Sklaven und Freie;
denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat,
ist ein Sklave,er sei übrigens wer er wolle:
Staatsmann, Kaufmann,Beamter und Gelehrter.
Friedrich Nietzsche